15Okt.Kinder & JugendlicheMeine Tochter geht jetzt allein los – was schützt sie wirklich?
Stand 15.10.2026 · von Julia & Benjamin Wiedenbruch
Die erste Party. Der Heimweg um elf. Das Handy, das nachts leuchtet. Wenn Töchter selbstständig werden, fragen uns viele Eltern dasselbe: Braucht sie einen Kurs? Ein Pfefferspray? Oder doch lieber Verbote?
Kurz gesagt: Das Wirksamste ist kein Gerät und kein Verbot. Es ist ein Gespräch, das bleibt – und das Wissen, wo die Gefahr wirklich liegt: selten beim Fremden im Park, öfter bei Bekannten, Gleichaltrigen und im Handy. Ein Kurs kann helfen, wenn er lang genug ist und das Richtige übt. Und eines gilt immer: Für einen Übergriff ist allein der Täter verantwortlich – nie die Person, die ihn erlebt.
Wo die Gefahr wirklich liegt
Das Bild im Kopf ist oft der Fremde, der im Dunkeln wartet. Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild.
In einer großen Befragung in Hessen erzählten 2.719 Jugendliche zwischen 14 und 17, was sie schon erlebt hatten. Von den Mädchen waren 30 Prozent ungewollt berührt worden. Die meisten Täter waren Gleichaltrige. Die Orte: draußen, aber genauso auf Partys, in fremden Wohnungen und in der Schule (Speak!-Studie 2017).
Ein großer Teil passiert heute online. 31 Prozent der Mädchen zwischen 12 und 19 wurden im Netz sexuell belästigt, vor allem auf Instagram, TikTok und Snapchat (JIM-Studie 2025). Bei den 16- und 17-Jährigen wurden 28 Prozent online zu einem Treffen gedrängt (Landesanstalt für Medien NRW 2025).
Und die meisten erzählen es niemandem. In derselben NRW-Studie behielten 59 Prozent es für sich.
Das Gespräch, das bleibt
Wenn Mädchen doch von einem Übergriff erzählen, dann meist einer Freundin. Mit der Mutter spricht nur etwa ein Drittel von ihnen (Speak!-Studie). Das Ziel ist also nicht ein großes Aufklärungsgespräch. Das Ziel ist, dass deine Tochter weiß: Zu dir kann sie kommen, ohne Ärger zu befürchten.
Was dabei helfen kann:
- Sprich früh und oft, in kleinen Portionen. Beim Autofahren klappt das oft besser als am Küchentisch.
- Frag nach ihrer Welt, bevor du warnst: Was ist gerade los auf Insta? Wer ist neu in der Gruppe?
- Sag den Satz, der alles trägt: „Wenn dir etwas passiert, bist nie du schuld. Du kannst immer zu mir kommen.“
- Mach ein Abholversprechen: Ruft sie an, holst du sie ab. Die Fragen haben bis morgen Zeit.
Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch hat dafür einen guten Gesprächsleitfaden für Eltern herausgegeben (UBSKM 2025).
Wenn jemand online Druck macht
Wer Jugendliche im Netz manipuliert, geht oft nach demselben Muster vor. Erst viele Komplimente und schnelle Vertrautheit. Dann ein Geheimnis („Erzähl das keinem“). Dann die Bitte um ein Foto. Dann Druck. Diese Abfolge nennt man Cybergrooming (gezieltes Anbahnen von Missbrauch über das Netz).
Wird mit Bildern gedroht, nennt man das Sextortion (Erpressung mit Nacktbildern). Dann gilt:
- Nicht zahlen und nicht weiter antworten.
- Nichts löschen. Den Chat per Screenshot sichern, dazu Profilnamen und Forderungen – aber nie das Bild selbst: Nacktbilder von Minderjährigen nicht speichern und nicht weiterleiten, auch nicht als Beweis. Das übernimmt die Polizei.
- Das Profil bei der Plattform melden und Anzeige bei der Polizei erstatten.
- Einer Vertrauensperson erzählen. Auch die Nummer gegen Kummer hilft: 116 111.
Das Wichtigste dabei: Wer erpresst wird, hat nichts falsch gemacht. Das Unrecht tut, wer droht.
Pfefferspray, Verbote, Ortungs-Apps?
Pfefferspray ist für Jugendliche keine gute Antwort. Es gibt keine belastbare Studie, dass es Zivilpersonen schützt. Die Polizei rät vom Mitführen ab, weil es entrissen werden kann und falsche Sicherheit gibt. In vielen Schulen verbietet es die Hausordnung, auf dem Cannstatter Wasen die Benutzungsordnung.
Verbote und Ortungs-Apps können beruhigen. Sie ersetzen aber nicht das Vertrauen, um das es oben ging. Unsere Erfahrung: Wer viel verbietet, erfährt oft weniger.
Was ein Kurs leisten kann
Gut gemachte Kurse wirken. Bei älteren Schülerinnen sank nach einem Programm mit zwölf Stunden die Zahl derer, die sexuelle Gewalt erlebten, deutlich (Decker et al. 2018). Mädchen lernen dort, Risiken früh zu erkennen, laut Nein zu sagen und sich zu wehren.
Auch bei Jüngeren wächst viel. In Neuseeland sagten nach einem Schulkurs 95 Prozent der Mädchen, sie würden Hilfe holen, und fast alle trauten sich, ihre Stimme einzusetzen (Jordan & Mossman 2018). Ein Wochenendkurs reicht dafür meist nicht. Die wirksamen Programme hatten neun bis zwölf Stunden.
Was das für dich heißt
- Sprich über Bekannte und das Netz, nicht nur über Fremde.
- Bleib ansprechbar – lieber oft und kurz als einmal und lang.
- Kenn die Regeln bei Erpressung mit Bildern, bevor ihr sie braucht.
- Setz nicht auf Geräte, sondern auf Wissen und Übung.
- Sag ihr, dass sie sich wehren darf.
Für Mädchen von 12 bis etwa 16 gründen wir gerade eine eigene Klasse – mit genau diesen Themen, unter Mädchen, mit zwölf Stunden im Pilotkurs. Warum wir das so machen, steht im Beitrag Warum wir eine Klasse nur für Mädchen gründen.
Quellen
- Maschke, S. & Stecher, L. (2017): Speak! Die Studie. Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher. Kurzbericht. Hessisches Kultusministerium. Link
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2025): JIM-Studie 2025. Jugend, Information, Medien. Link
- Landesanstalt für Medien NRW (2025): Cybergrooming. Befragung von Kindern und Jugendlichen. Link
- Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (2025): Gesprächsleitfaden für Eltern. Link
- Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: Gewalt unterwegs. Link
- Decker, M. R. et al. (2018): Sexual violence among adolescent girls and young women in Malawi: a cluster-randomized controlled implementation trial. BMC Public Health 18, 1341. Link
- Jordan, J. & Mossman, E. (2018): “Back off buddy, this is my body, not yours”: Empowering girls through self-defense. Violence Against Women 24(13). Link
