22Okt.Alltag & unterwegsHeimweg im Dunkeln – was wirklich hilft und was nur beruhigt
Stand 22.10.2026 · von Julia & Benjamin Wiedenbruch
„Ab Sonntag ist es um fünf dunkel. Was tue ich auf dem Heimweg – und was bringt wirklich was?“ Am 25. Oktober wird die Uhr zurückgestellt. Dann liegt der Weg von der Arbeit, vom Sport oder von der Bahn plötzlich im Dunkeln.
Kurz gesagt: Dunkelheit erhöht das Risiko für Raubüberfälle messbar. Die meiste Gewalt geschieht aber nicht auf dem Heimweg, sondern unter Menschen, die sich kennen. Draußen hilft vor allem Aufmerksamkeit statt Angst: Kopf hoch, Handy weg, Wege kennen, früh ausweichen. Manches, was beruhigt, ist dagegen nicht belegt.
Macht Dunkelheit einen Unterschied?
Ja, einen messbaren. Forschende in den USA haben die Zeitumstellung als natürliches Experiment genutzt. Mit der Sommerzeit bleibt es abends eine Stunde länger hell. In genau dieser Stunde gab es 27 Prozent weniger Raubüberfälle. Über den ganzen Tag waren es 7 Prozent weniger (Doleac & Sanders 2015). Die Daten stammen aus den USA. Eine vergleichbare Studie für Deutschland kennen wir nicht.
Licht hilft also. Aber das Bild vom Fremden im Dunkeln erzählt nur einen kleinen Teil. In einer großen Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums wurden 10.264 Frauen befragt. Von den Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, nannten nur knapp 15 Prozent einen Unbekannten als Täter. Fast die Hälfte nannte einen Partner oder Ex-Partner (Müller & Schröttle 2004).
Der Heimweg ist also selten der gefährlichste Teil des Tages. Trotzdem fühlt er sich oft so an.
Dein Gefühl ist kein Fehler
In einer landesweiten Befragung in Baden-Württemberg fühlten sich 47,1 Prozent nachts ohne Begleitung im öffentlichen Raum unsicher. Nachts allein in Bus und Bahn waren es 54,5 Prozent. Frauen fühlten sich unsicherer als Männer (Landesweite Sicherheitsbefragung Baden-Württemberg 2023, veröffentlicht 2025).
Dieses Gefühl ist echt. Es verdient, ernst genommen zu werden. Am meisten nützt es, wenn daraus Aufmerksamkeit wird – und keine Angst, die einen zu Hause hält.
Aufmerksamkeit statt Angst
Psychologen ließen auf einem Uni-Gelände einen Clown auf einem Einrad herumfahren. Danach fragten sie Passanten, ob ihnen etwas aufgefallen war. Wer beim Gehen telefoniert hatte, hatte den Clown nur in 25 Prozent der Fälle bemerkt. Wer allein und ohne Handy ging, bemerkte ihn in 51 Prozent (Hyman et al. 2010).
Wer einen Clown übersieht, übersieht auch, was sich auf dem Weg verändert. Aufmerksamkeit heißt nicht, ständig mit dem Schlimmsten zu rechnen. Es heißt: früh sehen, was los ist – und Zeit haben, zu entscheiden.
Was helfen kann:
- Kopf hoch, Handy in die Tasche. Der Blick bleibt beim Weg.
- Wege kennen. Die Polizei rät zu belebten, gut beleuchteten Straßen – auch wenn das ein Umweg ist.
- Früh die Straßenseite wechseln. Früh heißt: solange noch Platz ist. Dafür muss sich niemand rechtfertigen.
- Abstand halten. Die Polizei rät, sich so früh wie möglich von bedrohlichen Situationen zu entfernen.
Ein Telefonat kann trotzdem guttun. Dann weiß jemand, wo du bist. Es kostet nur etwas Aufmerksamkeit. Also lieber mit Blick nach vorn telefonieren als auf den Bildschirm schauen.
Was es in Stuttgart gibt
- Heimwegtelefon: 030 12074182, sonntags bis donnerstags von 21 bis 1 Uhr, freitags und samstags von 21 bis 3 Uhr. Ehrenamtliche begleiten dich am Telefon bis nach Hause. Es kostet einen Anruf ins deutsche Festnetz.
- Halt auf Wunsch: In Bussen im VVS kannst du täglich ab 21 Uhr bis Betriebsschluss auch zwischen zwei Haltestellen aussteigen. Das gilt nicht auf allen Linien. Sag dem Fahrpersonal rechtzeitig Bescheid, spätestens an der Haltestelle davor. Ob der Ausstieg sicher möglich ist, entscheidet das Fahrpersonal.
- Notrufsprechstellen: In allen unterirdischen Haltestellen der SSB und an vielen anderen gibt es Notrufsprechstellen. Sie sind direkt mit der Polizei verbunden.
Was vor allem beruhigt
Ein verbreiteter Tipp: den Schlüssel zwischen die Finger klemmen. Eine Studie, die zeigt, dass das schützt, gibt es nicht. Auch für Pfefferspray gibt es keinen Beleg, dass es Zivilpersonen schützt – die Polizei rät sogar ab, weil es entrissen werden kann.
Beides kann ein Gefühl von Kontrolle geben. Das ist nicht nichts. Unsere Erfahrung ist aber: Sicherheit wächst eher durch Wissen und Übung als durch Gegenstände in der Tasche.
Und wer keinen dieser Tipps befolgt, hat nichts falsch gemacht. Für einen Übergriff ist allein der Täter verantwortlich – nie die Person, die ihn erlebt.
Was das für dich heißt
- Licht und Menschen sind gute Begleiter, auch wenn der Weg dadurch länger wird.
- Das Handy darf in der Tasche bleiben. Augen und Kopf gehören dem Weg.
- Früh ausweichen ist klug, nicht unhöflich.
- Speichere das Heimwegtelefon, bevor du es brauchst.
- Bei einer Bedrohung hilft die Polizei unter 110 – oder die Notrufsprechstelle an der Haltestelle.
- Greift dich jemand an, darfst du dich wehren – so, wie es nötig ist, um den Angriff sicher zu beenden (Notwehr).
Bei uns trainieren Frauen und Männer ab 16 gemeinsam, ohne Vorkenntnisse. Wir üben, Situationen früh zu lesen, Grenzen klar zu setzen und uns zu wehren, wenn nichts anderes hilft. Unsere Linie: so hart wie nötig, so kurz wie möglich. Mehr dazu auf der Seite Selbstverteidigung in Stuttgart.
Quellen
- Doleac, J. L. & Sanders, N. J. (2015): Under the Cover of Darkness: How Ambient Light Influences Criminal Activity. The Review of Economics and Statistics 97(5). Link
- Müller, U. & Schröttle, M. (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Kurzfassung. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Link
- t-online (17.01.2025): Umfrage: Viele Menschen haben nachts Angst auf der Straße. Bericht über die erste landesweite Sicherheitsbefragung Baden-Württemberg. Link
- Ministerium des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen Baden-Württemberg (2025): Ergebnisse der ersten landesweiten Sicherheitsbefragung in Baden-Württemberg. Pressemitteilung vom 17.01.2025. Link
- Hyman, I. E. et al. (2010): Did you see the unicycling clown? Inattentional blindness while walking and talking on a cell phone. Applied Cognitive Psychology 24(5). Link
- Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: Halt! Sicherheitstipps für den Heimweg. Link
- Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: Wie Sie sich unterwegs vor Gewalt schützen. Link
- Heimwegtelefon e. V.: Heimwegtelefon. Link
- Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS): Sicherheitsmaßnahmen im Bus. Link
- Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB): Sicherheitsmaßnahmen der SSB. Link
