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Ein Instruktor zeigt der Gruppe eine Technik 27Sep. Krav Maga

Wie effektiv ist Krav Maga wirklich?

Stand 27.09.2026 · von Julia & Benjamin Wiedenbruch

Kurz gesagt: Kein Selbstverteidigungssystem kann Sicherheit garantieren – auch Krav Maga nicht. Es gibt keine Studie, die zeigt, dass Krav Maga wirksamer ist als andere Systeme. Gut belegt ist aber etwas anderes: Ein Training, das frühes Erkennen, klare Worte und körperliche Gegenwehr verbindet, senkt das Risiko von Übergriffen deutlich. Daran richten wir unseren Unterricht aus.

Woher Krav Maga kommt

Krav Maga heißt auf Hebräisch „Kontaktkampf“. Entwickelt hat es Imrich „Imi“ Lichtenfeld, zuerst in Bratislava, später in Israel. Die Idee: wenige, einfache Bewegungen, die auch unter Stress funktionieren – ohne Regeln, ohne Wettkampf. Heute gibt es viele Verbände. Wir gehören zu Krav Maga DEFCON®, dessen Lehrteam das Technikrepertoire laufend überprüft und weiterentwickelt.

Was die Forschung zeigt

Die beste Studie zur Selbstverteidigung stammt aus Kanada. Rund 900 Studentinnen nahmen teil. Die Hälfte besuchte einen Kurs: vier Einheiten à drei Stunden, mit Wissen über Täterverhalten, dem Setzen von Grenzen und körperlicher Gegenwehr. Die andere Hälfte bekam Broschüren. Ein Jahr später hatten in der Kursgruppe 5,2 Prozent eine vollendete Vergewaltigung erlebt, in der Vergleichsgruppe 9,8 Prozent. Das Risiko war fast halbiert (Senn et al., 2015). Die Wirkung auf versuchte Vergewaltigungen hielt zwei Jahre an (Senn et al., 2017).

Eine Studie aus den USA kam schon vorher zu einem ähnlichen Ergebnis: Frauen, die einen Selbstverteidigungskurs gemacht hatten, erlebten im folgenden Jahr seltener sexuelle Übergriffe als Frauen ohne Kurs (Hollander, 2014).

Was diese Studien gemeinsam haben: Sie prüfen nicht einzelne Techniken, sondern ein Paket – Gefahren früh erkennen, Nein sagen, sich körperlich wehren. Und sie richten sich gegen das häufigste Risiko: Übergriffe durch Menschen, die man kennt.

Was die Forschung nicht zeigt

Ehrlich gesagt: eine ganze Menge.

  • Keine Studie vergleicht Krav Maga mit anderen Systemen. Wer behauptet, ein System sei „das effektivste“, kann das nicht belegen – das gilt für uns genauso.
  • Die guten Studien stammen fast alle von jungen Frauen an Hochschulen. Für andere Gruppen und andere Gefahren gibt es weniger Daten.
  • Ein Kurs ist kein Schutzschild. Fertigkeiten, die man nicht übt, verblassen. Deshalb ist Selbstverteidigung bei uns ein fortlaufendes Training und kein Wochenendkurs.

Warum Stress alles verändert

Unter akuter Bedrohung arbeitet der Körper anders. Das Denken wird enger, feine Bewegungen gelingen schlechter, Planen fällt schwer (Arnsten, 2009). Viele Menschen erstarren. In einer schwedischen Studie berichteten 70 Prozent der Frauen, die nach einer Vergewaltigung in eine Notfallklinik kamen, von einer deutlichen Erstarrung während der Tat (Möller et al., 2017).

Wichtig: Erstarren ist eine normale Schutzreaktion des Körpers. Es ist keine Schwäche und keine Zustimmung. Wer erstarrt ist, trägt keine Schuld. Für einen Übergriff ist allein der Täter verantwortlich.

Was hilft, ist Übung unter Belastung. Polizeibeamte, die unter Druck trainiert hatten, handelten in späteren Stresssituationen sicherer als Kollegen, die nur ohne Druck geübt hatten (Nieuwenhuys & Oudejans, 2011). Das Prinzip ist einfach: Was man oft unter Stress geübt hat, ist unter Stress eher abrufbar.

Was das für unser Training heißt

  • Erst der Kopf, dann die Hände. Der größte Teil des Trainings passiert, bevor es körperlich wird: Situationen lesen, deeskalieren, mit der Stimme Grenzen setzen, Fluchtwege sehen.
  • Wenige, einfache Bewegungen. Distanz schaffen, Schläge blocken, Griffe lösen, dich wehren und raus – Bewegungen, die auch mit Herzrasen noch gehen.
  • Üben unter Belastung, Schritt für Schritt. Jede Stunde endet mit einem kurzen Drill. Die Belastung steigt langsam – das Training fordert, aber es überfordert nicht.
  • Recht gehört dazu. Wann darf ich mich wehren, wie weit darf ich gehen? Die Notwehr ist regelmäßig Thema.
  • Du bestimmst das Tempo. Jede Übung kannst du auslassen. Niemand wird unangekündigt angegriffen.

Und das Wichtigste

Selbstverteidigung heißt nicht, zu gewinnen. Sie heißt, heil rauszukommen. Oft ist der beste Weg, gar nicht erst in die Situation zu geraten, sie früh zu verlassen oder Hilfe zu holen. Wenn das nicht reicht, ist körperliche Gegenwehr die letzte Möglichkeit – entschlossen und angemessen.

Krav Maga macht niemanden unverwundbar. Aber regelmäßiges Training kann dir mehr Möglichkeiten geben, wenn es darauf ankommt. Und das ist es, was wir versprechen können.

Hilfe, kostenlos und anonym:

Quellen

  • Senn, C. Y. et al. (2015): Efficacy of a Sexual Assault Resistance Program for University Women. New England Journal of Medicine 372, 2326–2335.
  • Senn, C. Y. et al. (2017): Secondary and 2-Year Outcomes of a Sexual Assault Resistance Program for University Women. Psychology of Women Quarterly 41(2), 147–162.
  • Hollander, J. A. (2014): Does Self-Defense Training Prevent Sexual Violence Against Women? Violence Against Women 20(3), 252–269.
  • Arnsten, A. F. T. (2009): Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience 10, 410–422.
  • Möller, A., Söndergaard, H. P. & Helström, L. (2017): Tonic immobility during sexual assault – a common reaction predicting post-traumatic stress disorder and severe depression. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica 96(8).
  • Nieuwenhuys, A. & Oudejans, R. R. D. (2011): Training with anxiety: short- and long-term effects on police officers' shooting behavior under pressure. Cognitive Processing 12(3).