15Okt.Kinder & JugendlicheWarum wir eine Klasse nur für Mädchen gründen
Stand 15.10.2026 · von Julia & Benjamin Wiedenbruch
In den letzten Monaten haben uns viele Eltern dieselbe Frage gestellt: „Habt ihr auch etwas für meine Tochter?“ Bisher mussten wir Nein sagen. Unser Training für Jugendliche und Erwachsene beginnt mit 16, unser Programm OmniKids endet mit etwa 10. Dazwischen war eine Lücke. Jetzt schließen wir sie.
Kurz gesagt: Wir gründen eine Klasse für Mädchen von 12 bis etwa 16. Sie lernen, Situationen zu lesen, Grenzen zu setzen und sich zu wehren – unter Mädchen, ohne Zuschauer. Was solche Kurse bringen, ist gut untersucht: mehr Selbstvertrauen, mehr Wissen über Täterstrategien, eine stärkere Stimme. Eine Garantie sind sie nicht. Das sagen wir genauso offen.
Warum gerade zwischen 12 und 16?
In diesen Jahren passiert vieles zum ersten Mal. Die erste Party. Der Heimweg allein. Das eigene Handy. Die ersten Beziehungen. Und genau dann testen andere Grenzen.
Eine große Befragung in Hessen hat 2.719 Jugendliche zwischen 14 und 17 gefragt, was sie schon erlebt haben. Von den Mädchen hatten 41 Prozent sexuelle Kommentare gehört. 33 Prozent waren online belästigt worden, 30 Prozent ungewollt berührt. Die meisten Täter waren Gleichaltrige und Bekannte – nicht der Fremde im Park (Speak!-Studie 2017).
Das ist kein Mangel der Mädchen. Es ist eine neue Welt, in der Grenzen öfter getestet werden. Und in der man lernen kann, sie zu halten.
Warum nur Mädchen?
Bei den Erwachsenen trainieren Frauen und Männer bei uns gemeinsam. Dazu stehen wir. Für diese Klasse haben wir uns trotzdem anders entschieden – aus zwei Gründen.
Erstens: Alle Kurse, für die eine Wirkung gut belegt ist, sind Kurse für Mädchen und Frauen. Ob gemischte Gruppen genauso wirken, ist kaum untersucht. Wir gehen den Weg, der belegt ist.
Zweitens: Viele Mädchen hören in diesen Jahren mit Sport auf. In einer britischen Befragung nannten sie als Hauptgründe, dass sie nicht beobachtet werden wollen und Angst haben, bewertet zu werden (Women in Sport 2022). Ein Raum ohne Jungs und ohne Zuschauer nimmt diesen Druck heraus.
Was die Forschung sagt – und was nicht
Für ältere Mädchen gibt es gute Zahlen. In Malawi nahmen tausende Schülerinnen an einem Kurs mit zwölf Stunden teil. Danach sank der Anteil derer, die sexuelle Gewalt erlebten, innerhalb eines Jahres von 15,2 auf 9,2 Prozent. In der Vergleichsgruppe blieb er gleich (Decker et al. 2018).
Auch dort, wo man keine Übergriffe zählen kann, zeigt sich ein Muster. In Neuseeland sagten nach einem Schulkurs 95 Prozent der Mädchen, sie würden Hilfe holen. Fast alle fühlten sich sicher, ihre Stimme einzusetzen. Das Selbstwertgefühl stieg (Jordan & Mossman 2018 – ohne Vergleichsgruppe).
Auch für jüngere Teenager gibt es ermutigende Ergebnisse. In den USA trauten sich Mädchen zwischen 12 und 18 nach einem Kurs mehr Abwehr zu und erlebten seltener Belästigung (Edwards et al. 2022). Eine Garantie ist das nicht. Was wir zusagen: Wir üben das, was in den wirksamen Kursen geübt wurde.
Und wir üben es lange genug. Die Kurse mit den besten Ergebnissen hatten neun bis zwölf Stunden. Unser Pilotkurs hat zwölf.
Was deine Tochter lernt
Wir denken ganzheitlich – vom ersten Bauchgefühl bis zur letzten Möglichkeit, sich zu wehren:
- Situationen lesen: merken, wenn etwas nicht stimmt – auch bei Leuten, die sie kennt.
- Grenzen setzen: laut und klar Nein sagen, Streit entschärfen und wissen, wann Gehen die beste Wahl ist.
- Sich wehren: sich aus Griffen befreien und mit einfachen Schlägen und Tritten wehren, wenn nichts anderes hilft.
- Klar bleiben unter Stress: verstehen, warum man vor Schreck erstarrt – und wieder ins Handeln kommen.
- Freundinnen und Hilfe: einer Freundin beistehen und wissen, wohin sie sich wenden kann.
- Handy und Grenzen: erkennen, wenn jemand online Druck macht, und wissen, was dann zu tun ist.
Eines sagen wir in jeder Stunde: Für einen Übergriff ist allein der Täter verantwortlich – nie die Person, die ihn erlebt. Das ist uns wichtig, weil Studien zeigen: Wer trainiert hat, macht sich nach einem Übergriff sonst eher selbst Vorwürfe (Brecklin & Ullman 2005). Das soll keinem Mädchen passieren.
Wer unterrichtet – und wie es weitergeht
Die Klasse leitet Benjamin Wiedenbruch. Er führt unsere Schule zusammen mit Julia Wiedenbruch und ist Fachkraft für Gewaltprävention. Er hat ein aktuelles erweitertes Führungszeugnis. Dazu kommen Stunden mit Julia – sie ist Psychologische Psychotherapeutin – und Besuche erwachsener Schülerinnen aus unserem Training.
Wir beginnen mit einer Gründungsliste. Sobald genug Mädchen zusammen sind, schlagen wir Zeiten vor, und ihr wählt mit. Dann startet ein Pilotkurs über drei Monate. Ab dem Frühjahr 2027 geht die Klasse regulär weiter. Preis und Gründungsliste stehen auf der Seite der Mädchenklasse.
Kommt eine Freundin mit? Dann tragen ihre Eltern sie einfach auch ein.
Quellen
- Maschke, S. & Stecher, L. (2017): Speak! Die Studie. Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher. Kurzbericht. Hessisches Kultusministerium. Link
- Women in Sport (2022): Reframing Sport for Teenage Girls. Befragung, Großbritannien. Link
- Decker, M. R. et al. (2018): Sexual violence among adolescent girls and young women in Malawi: a cluster-randomized controlled implementation trial. BMC Public Health 18, 1341. Link
- Jordan, J. & Mossman, E. (2018): “Back off buddy, this is my body, not yours”: Empowering girls through self-defense. Violence Against Women 24(13). Link
- Edwards, K. M. et al. (2022): Auswertung des Programms IMpower mit Schülerinnen von 12 bis 18 Jahren in den USA. Journal of Interpersonal Violence 37(15–16). Link
- Senn, C. Y. et al. (2015): Efficacy of a sexual assault resistance program for university women. New England Journal of Medicine 372. Link
- Hollander, J. A. & Cunningham, J. (2020): Empowerment self-defense training in a community population. Psychology of Women Quarterly 44(2). Link
- Brecklin, L. R. & Ullman, S. E. (2005): Self-defense or assertiveness training and women's responses to sexual attacks. Journal of Interpersonal Violence 20(6). Link
